Achtung, jetzt kommt "DAS FUSSBALLBEBEN!"

DIe Kolumne von Christof Dörr

Ilkay Gündogan hat schon bessere Fussballertage erlebt. Zum Beispiel, als er im März 2011 mit der U 21-Nationalmannschaft im Kasseler Auestadion gegen Italien gespielt hat. Übrigens: Mit 16.368 Zuschauern ist es bis heute das am besten besuchte Spiel der U21-Mannschaft in Deutschland. Damals gab es zwar nur ein 2:2, angesichts der 90 Minuten von Dienstag ist das aber als echtes Traumergebnis zu werten. Herr Gündogan bekam vom Kicker für seine Leistung in dieser Woche eine glatte 6.

Es war eine Woche, die ganz Fußball-Deutschland in seinen Grundfesten erzittern ließ. Alle 80 Millionen Bundestrainer schienen plötzlich geeigneter für den Job zu sein, als der eine, der ihn inne hat. Und um es direkt vorweg zu nehmen: Ich mochte Jogi Löw noch nie. Auch nicht, als wir Weltmeister waren. Aber jetzt gerade finde ich, dass er noch etwas Zeit verdient, um die neue Mannschaft auch wirklich zu einer Mannschaft zu formen. Das jetzt wieder nach den Altmeistern Boateng, Hummels und Müller gerufen wird finde ich ziemlich absurd. Ich warte auf den ersten, der Özil, Schweini und Matthäus wieder im Nationaldress sehen will.

Lasst die jungen wilden Mal machen. Das wird schon. Auch 2006 war nicht alles Gold, was am Ende im Schwarz-Rot-Goldenen Fahnenmeer geglänzt hat. Und rückblickend wurde bei der Heim WM der Grundstein für den Weltmeistertitel gelegt. Ich bin mir zwar sicher, dass Deutschland im kommenden Jahr nicht Europameister wird, aber vielleicht ist so ein 0:6 Schlag in den tiefsten Intimbereich ja ein Weckruf zur richtigen Zeit.

Aus aktuellem Anlass habe ich mal nachgeschaut, welche wirklich bitteren Niederlagen unser KSV schon einstecken musste. Unter den 6 höchsten Niederlagen findet sich tatsächlich vier Mal ein 0:6. Zuletzt gab es dieses Ergebnis im Viertelfinale des Hessenpokals, am 17. Oktober 2018. Der SV Wehen/Wiesbaden war unser Gegner. Nun gut, damals haben wir in der Hessenliga gespielt und Wehen/Wiesbaden war in der 2. Bundesliga. Und die Mannschaft hat im Anschluss an dieses Ergebnis Charakter bewiesen: Von den nachfolgenden 19 Spielen haben wir 14 gewonnen und nur eine Niederlage kassiert. Am Saisonende stand immerhin ein dritter Platz.

Deutlich schlimmer lief es am 2. September 1962. An diesem Tag kassierten die Löwen die höchste Niederlage ihrer Vereinsgeschichte. Ein 0:9 gegen den 1. FC Nürnberg in der Oberliga Süd. 25.000 Zuschauer waren an diesem historischen Tag ins Auestadion gekommen und nach dem Spiel vermutlich ziemlich bedröppelt nach Hause gegangen. Am Ende einer durchwachsenen Saison stand damals der 10. Platz. Immerhin, denn nur einen Spieltag nach dem 0:9 gab es noch ein 0:5 bei Bayern Hof. Diese Ergebnisse ließen noch deutlich schlimmeres für den Saisonausgang erahnen. Damals spielte in der Oberliga Süd übrigens auch ein gewisser FC Bayern München. Mit Sepp Maier im Tor. Der 18-Jährige war vor der Saison von den Amateuren zu den Profis aufgestiegen. In München haben wir uns eine 3:2 Niederlage abgeholt, im Auestadion immerhin ein 1:1 erkämpft. Vor 15.000 Zuschauern.

Ziemlich genau ein Jahr nach unserer höchsten Niederlage, haben wir übrigens unseren höchsten Sieg erzielt. Am 22. September 1963 gab es ein 9:1 gegen den ESV Ingolstadt. Die Liga hieß mittlerweile Regionalliga Süd und der KSV landete am Ende auf Platz zwei, direkt hinter dem FC Bayern. Leider hats dann in der Aufstiegsrunde zur 1. Bundesliga nicht mit dem ganz großen Schritt geklappt. Damals, wie auch 20 Jahre später, war Hannover 96 der entscheidende Stolperstein auf dem Weg zum ewigen Löwen Sehnsuchtsort 1. Bundesliga.

Apropos Siege und Niederlagen: Ich vermisse die Samstage im Auestadion. Das Gemeinschaftsgefühl, das Leiden, das Jubeln, das Kopfschütteln, das Arme hochreißen. Als Ersatz habe ich mir jetzt ein paar Spiele bei YouTube angeschaut. Sehr nett ist eines vom 15. Oktober 2016, ein 1:0 Sieg im Auestadion gegen Kickers Offenbach. Wobei mir unser Siegtor schon beim Zuschauen wehgetan hat, denn bevor das runde Leder die Torlinie überquert hatte, bekam der Offenbacher Torwart Daniel Endres den Ball direkt ins Gesicht. Sah schlimm aus, der Keeper musste minutenlang behandelt werden und konnte nicht weiter spielen. Aber am Ende war alles halb so wild, schließlich spielt Endres noch immer, aktuell beim FSV Frankfurt und mit dem hat er sich mit einem 3:1 Sieg gerade erst am KSV gerächt. Schöner Mist. Aber der Sieg gegen Offenbach vor vier Jahren war trotzdem schön anzuschauen. Ein Ersatz für Live-Fußball im Auestadion waren meine Youtube-Sessions aber definitiv nicht.

Bei Youtube gibt es übrigens auch einen Mitschnitt des 7:1 Sieges der Nationalmannschaft gegen Brasilien. Mein Tipp an Jogi-Nationale: Schau dir den gemeinsam mit der Mannschaft an. Dann Arsch hoch und weiter geht’s.

Apropos weiter geht’s: Mit Erschrecken habe ich jetzt in der HNA gelesen, dass der Neustart der Regionalliga Südwest aufgrund der steigenden Infektionszahlen in weite Ferne gerückt ist. Ganz ehrlich: Das wäre ziemlicher Mist. Umso wichtiger ist es, dass jetzt wirklich alle mitmachen, quasi als Trockenübung und auch dieses Mal bitte wieder extra laut, damit wir das A…%&_‘`=/%...LOCH-Virus aus Kassel und ganz Nordhessen vertreiben: „Schalalalaaaaaaa, der KSV ist wieder da!“

Veröffentlicht: 20.11.2020

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Datum des Ausdrucks: 01.12.2020