85 fand nie statt

19828383848485 - Die KSV-Kolumne

In meiner Kolumne erkläre ich gerne, warum wir uns tierisch auf die kommende Saison freuen können: Regionalliga ist nämlich viel geiler als erste Liga!

Wissen Sie noch, was sie 1985 gemacht haben? Okay, okay, viele werden jetzt spontan sagen: „Klar! Am 2. Juni war ich zusammen mit 23.000 anderen im Auestadion und habe dieses verdammte Unentschieden gegen Hannover gesehen, dass sich wie eine Niederlage angefühlt hat. Dabei hatte Hampl doch schon …!“ Ach egal! Lange ist es her – um genau zu sein: 35 Jahre. Wir haben also gerade so eine Art „extrem dumm verkackter Aufstieg“-Jubiläumsjahr.

Vielleicht ist das ja genau der passende Rahmen, um gemeinsam, hier, jetzt und heute einen für unseren Seelenfrieden extrem wichtigen Schritt zu wagen. Denn seien wir doch mal ehrlich: Fußball historisch betrachtet ist 1985 unser Alesia. In dem französischen Ort fand im Spätsommer 52 v. Chr. die Entscheidungsschlacht zwischen dem römischen Feldherrn Gaius Iulius Caesar (also dem 1. FC Nürnberg/Hannover 96) und den Galliern unter Führung des Vercingetorix (also uns), statt. Sieger war – natürlich - Caesar. Und dank dem Literaturklassiker „Asterix und der Avernerschild“ wissen wir auch, dass die Gallier ein einfaches Mittel zur Bewältigung dieser schmachvollen Niederlage gefunden haben: Sie Leugnen sie einfach. Um es mit den Worten des großen Gallier-Häuptlings Majestix zu sagen: „Alesia? Ich kenne kein Alesia. Ich weiß nicht, wo Alesia liegt. Niemand weiß, wo Alesia liegt!“

Vielleicht sollten die Nordhessen, die nur Angst davor haben, dass ihnen die ahle Wurscht ausgeht, mit dem Jahr 1985 ähnlich verfahren? Wir leugnen einfach, dass es dieses schlimme Ende der, objektiv betrachtet, eigentlich verdammt guten Saison je gegeben hat. Und schwupps – schon fühlt man sich viel besser. Zukünftig könnten sich Unterhaltungen beim Bierchen dann so anhören: „Der KSV? 1984/85? Das war doch eine super Saison!“ Alternativ könnten wir versuchen, einen Weg zu finden, das Jahr einfach so a la Man in Black zu blitzdingsen. Wozu haben wir denn bald das Fraunhofer-Institut hinter dem Kulturbahnhof stehen? Die können so ein Ding doch bestimmt völlig problemlos erfinden und uns kurz leihen! Fest steht: Wenn das Jahr 1985 aus dem kollektiven Gedächtnis der unbeugsamen Nordhessen verschwinden würde, wäre der Schaden absolut überschaubar. Denn außerhalb des Auestadions hat sich damals nicht so wahnsinnig viel Erinnerungswertes abgespielt.

Im Januar wurde der heutige Formel 1-Serienmeister Lewis Hamilton geboren. Da war der KSV gerade in der Winterpause und stand auf dem 3. Platz.
Im Juli, da war für uns die Saison bereits gelaufen, gewann Boris Becker, der seitdem legendäre und für immer und ewig 17 Jahre alte Leimener, zum ersten Mal Wimbledon. Ja, die Älteren erinnern sich: Unser Bobbele hat tatsächlich mal Tennis gespielt.
Ebenfalls im Juli kommt ein echter Klassiker auf den Markt: Der Commodore Amiga Heimcomputer. Eine ganze Generation denkt jetzt mit glänzenden Augen an ihre ersten Spiele zurück. Was konnte man mit dem Ding zu Hause daddeln – wer erinnert sich nicht gerne an The Great Giana Sisters. Und in der Sommerpause zwischen zwei verpatzen Aufstiegen unserer Löwen hatte man ja auch viel Zeit dazu.

Ach ja, 1985 hieß Raider übrigens noch Raider. Fand ich irgendwie erwähnenswert. Erst seit 1991 heißt es ja Twix – den Namenswechsel habe ich sowieso nie verstanden. Aber egal, mir schmeckt Snickers sowieso besser. In Kassel war es außer dem verpassten Dingenskirchen, na, ihr wisst schon, dem Dingsbums vom KSV, 1985 ziemlich ruhig. Loriot hat den zum ersten Mal verliehenen Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor bekommen und sich bestimmt sehr gefreut. Vielleicht mit einer Nudel im Gesicht.

Vieles hat sich geändert, eins ist – wer hätte es gedacht - gleich geblieben: Der FC Bayern München wurde auch in der Saison 1984/85 Deutscher Meister. In der Bundesliga spielten damals immerhin 10 Mannschaften, die auch in der kommenden Saison im Oberhaus vertreten sind. Das Double verpassten die Bayern 1985 übrigens knapp, weil sie im Finale des DFB Pokals 2:1 verloren haben. Gegen Bayer 05 Uerdingen. Oh, wieder ein Moment in dem einem klar wird, wie lange das alles her ist. Denn das Uerdingen mal den DFB Pokal gewonnen hat, hatte ich jetzt nicht mehr direkt auf dem Schirm.

Die Singlecharts des Jahres zeigen: Auch Musik historisch war 1985 stets bemüht, mehr aber auch nicht. Trotzdem erschreckend, dass ich beim Durchschauen der Top 100 so ziemlich jedes Lied sofort mitsingen konnte. Auf Platz 1: „Live is Life“ von Opus. Platz 2: Das unzerstörbare „You're My Heart, You're My Soul“ von Didda und Nora aka Modern Talking. Platz 3: „Tarzanboy“ von One-Hit-Wonder Baltimora. Gleich hinterher gibt’s die erfolgreichsten Filme des Jahres, von denen es einige vermutlich nur noch als VHS gibt: Platz 1: Otto, der Film. Auf Platz 2: Männer. Und auf Platz 3, ein echter Klassiker: Zurück in die Zukunft.

Last but not least – und jetzt schaffen es viele bestimmt nicht mehr, ihre Tränen zurück zu halten: 1985 wurde im ZDF die erste Folge der Schwarzwaldklinik ausgestrahlt. Mit dem unvergessen Klausjürgen Wussow als Professor Klaus Brinkmann und Gaby Dohm als Schwester Christa. Hach, wie schön. Aber spätestens jetzt muss wirklich auch dem Letzten klar sein: Puuuuuh – seitdem ist verdammt viel Wasser unsere schöne Fulda runtergeflossen.

Lewis Hamilton ist erwachsen geworden, hat seinen Führerschein und kann sich einen Mercedes leisten. Commodore gibt es nur noch auf 80er Jahre Trikots vom FC Bayern und Retro-Kaffeetassen aus dem Bestellkatalog für Nerd-Bedarf. Boris Becker kennen die Meisten nur noch als einen Typen, der seine Pokale via ebay verkloppt und nicht mehr wegen seiner spektakulären Hechtsprünge und wunderbaren Siege. Dem FC Bayern tut der Verlust eines Titels nicht weh – und die beiden Fußballtragödien des Jahres im Heysel-Stadion und in Bradford sind sowieso zum Vergessen. Und auch, wenn man „Live is Life“ und die Titelmelodie der Schwarzwaldklinik ohne viel nachdenken zu müssen aus dem Stehgreif sofort wieder mitsummen kann: Lasst uns 1985 jetzt einfach kollektiv vergessen oder alternativ verleugnen. Lasst uns nach vorne schauen.

Liebe Fans, ganz egal, wo ihr gerade seid und wie gut ihr euch noch an 1985 erinnert – und hört jetzt verflucht nochmal endlich auf, „Live is Life“ zu summen! - schließt jetzt alle mal die Augen und sprecht die Worte des großen Gallier-Häuptlings Majestix nach: „1985? Ich kenne kein 1985. Ich weiß nicht, wo 1985 liegt. Niemand weiß, wo 1985 liegt!“ So oder so ähnlich soll er es gesagt haben. Und jetzt singen wir alle gemeinsam zur Melodie von „An der Nordseeküste“, immerhin Platz 17 in den Jahrescharts von 1985, so laut dass man es in ganz Kassel hören kann: „Damals vor unendlich lahanger Zeit, da machten wir Kasseler an der Fulda uns breit. Die Jahre vergingen in Saus und in Braus, drum rufen wir Nordhessen auch noch heut gerne aus: Im Au-eeee-stadion, in der schönen Südstadt, sind wir Kasseler derrheime und 85 fand nie statt!“

 

Veröffentlicht: 30.08.2020

© KSV Hessen Kassel e.V.
Datum des Ausdrucks: 24.09.2020