Zum Liveticker

Das medien team der KSV Hessen Kassel sagt Danke für das Interesse und wünscht ein schönes Wochenende.

Löwen spielen auch für Marcel

KSV-Abwehrspieler an Diabetes erkrankt
Die Diagnose traf ihn und auch die Mannschaft des KSV Hessen wie ein Schock: Marcel Stadel erfuhr zwei Tage vor dem Spiel gegen Eintracht Frankfurt II, dass er an Diabetes erkrankt ist. Der 22jhrige Abwehrspieler befindet sich noch bis Freitag im Krankenhaus und wollte sich bereitwillig nun offen uern. Das verdient Respekt! Im Beisein seiner Freundin Anna Lenz, die ihm in dieser schweren Zeit ebenso mental zur Seite steht wie seine in Ostwestfalen lebenden Eltern und sein Freundeskreis, sprach Marcel Stadel mit KSV- Pressereferent Herbert Pumann, und hofft knftig wieder Fuball- bzw. Leistungssport zu betreiben. Diabetiker wie der Mainzer Zweitliga- Torhter Dimo Wache und Gewichtheber- Olympiasieger Matthias Steiner ermutigen Marcel Stadel dabei.

?Marcel, plötzlich zum Liga-Auftakt 2009 gegen Spitzenreiter Eintracht Frankfurt II konntest Du nicht mitwirken, nachdem Du die gesamte Vorbereitung das volle Programm mitgemacht, vor der Winterpause in der Stammformation gestanden und dabei als Abwehrspieler gar wichtige Tore, darunter das 1:0-Siegtor in Aschaffenburg, erzielt hast. Was hat es mit Deiner Erkrankung auf sich und wann bzw. wie wurde sie diagnostiziert?

Marcel
zoomMarcel Stadel
Foto: Roland Sippel

Marcel Stadel: Das hast du alles richtig erkannt. Ich denke nachdem sich Mentor Latifi im September verletzt hatte, habe ich meine Chance genutzt und auch gute Leistungen gezeigt. Auch deshalb hat mich die Diagnose meiner Krankheit doppelt getroffen. Ich war da angelangt, was ich mir als Ziel für diese Saison gesetzt hatte: Stammspieler in der Regionalliga zu werden. Und nun das! Die Diagnose „Diabetes mellitus Typ I". Ein Schlag ins Gesicht. Das erste was mir vor Augen stand war, dass ich nie wieder auf dem Niveau Fußball spielen könne wie bisher. Es war ein sehr großer Schock für mich, vor allem weil meine Blutzuckerwerte schon so enorm angestiegen waren, dass ich direkt von der ärztlichen Untersuchung im Ärztezentrum Medikum mit einem Notarzt auf die Intensivstation gebracht wurde.

Seit ca. Anfang des Jahres habe ich gemerkt, dass ich ein vermehrtes Durstgefühl (6-7 l pro Tag) hatte. Ich habe mir nix weiter dabei gedacht. Ich dachte es sei normal, habe es aber weiter beobachtet. Hinzu kam, dass ich sehr viel Wasser lassen musste (7 - 8 Mal am Tag). Gut, dachte ich mir, das wird wohl mit dem vielen trinken zusammenhängen und habe mir noch immer nix dabei gedacht. Erst als die anderen Symptome wie extremer Gewichtsverlust und Schwächegefühl hinzukamen, dachte ich mir: Lass dich mal von einem Arzt untersuchen. Ich konnte auch überhaupt keine richtige Leistung mehr im Training bringen, weil ich mich ständig so schlapp gefühlt habe. Als ich z.B. nach einem freien Tag am nächsten Morgen aufgestanden bin, habe ich mich gefühlt, als hätte ich ein 90-minütiges Meisterschaftsspiel auf tiefen Boden hinter mir.

Aufgrund dieser vielen zusammenhängenden Symptome bin ich in die Allgemeinmedizin ins Medikum (Anm.: Partner des KSV Hessen) gefahren und habe diese geschildert. Ich habe vorher nichts über die Symptome von Diabetes mellitus gewusst, ansonsten hätte ich logischerweise schon viel früher einen Arzt aufgesucht. Mein Blutzuckerwert wurde gemessen und er war für die Geräte nicht mehr messbar, da er schon so extrem angestiegen war. Daraufhin hat die behandelnde Ärztin einen Notarzt gerufen und mich auf die Intensivstation bringen lassen. Dort habe ich den ganzen Tag am Insulintropf gehangen, um meinen Wert einigermaßen wieder in Richtung Normalwert (70-100 mg/dl) zu bringen. Es wurde mir Blut abgenommen und anhand der Laborwerte konnte dann mein Blutzuckerwert festgestellt werden. Er war bei 966 mg/dl.

"Ich hatte Glück im Unglück"

Vom Arzt auf der Intensivstation habe ich dann erfahren, dass ein Wert bei 1000mg/dl tödlich sein kann. Somit hatte ich, wie man so schön sagt, Glück im Unglück. Als sich mein Wert einigermaßen durch die Zugabe von Insulin wieder stabilisiert hatte, wurde ich einen Tag später stationär aufgenommen. Als ich jedoch erfahren habe, dass im Roten Kreuz Krankenhaus eine Diabetes Station vorhanden ist, habe ich mich auf eigenen Wunsch am Montag, den 2. März dorthin einweisen lassen. Hier werde ich rund um die betreut und habe täglich 3-4 Gespräche mit einer Ernährungs-/Diabetes-Beraterin.

Heute habe ich mein eigenes „Backage" bekommen, welches 2 Insulinpens und 2 Messgeräte beinhaltet. Dieses Backage ist nun mein tägliches Brot und wird mich mein Leben lang begleiten. Ich wusste am Anfang gar nicht wie mir geschieht, weil einfach auch so viele Informationen auf einmal auf mich zukamen. Aber so langsam lerne ich mit der Krankheit umzugehen, sie zu akzeptieren und in meinen täglichen Lebensalltag einzubringen. Hier im Krankenhaus werde ich nun „eingestellt", dass heißt, dass sich mein Wert mit Zugabe von Insulin nun langsam(!) wieder auf den Normalwert einstellt. Langsam deshalb, weil, wenn sich der Wert zu schnell auf den Normalwert einpendelt, kommen die Zellen in meinem Gehirn nicht schnell genug mit und verursachen Komplikation wie z.B. Schwellungen im Gehirn.

Ich wusste, wie eben schon erwähnt, fast gar nix über die Krankheit, aber ich werde immer vertrauter mit der Situation und mit dem Gedanken, dass sich mein Leben stark verändern wird. Ich muss nun sehr viel mehr auf meine Ernährung achten. Als die Ärzte mir sagten, dass ich ein ganz normales Leben weiterführen könne, war ich sehr erleichtert und mir lag dann nur noch eine ganz entscheidende Frage auf den Lippen: Kann ich weiter Leistungssport betreiben? Da habe ich erfahren, dass es für einen Diabetiker generell nichts Besseres gibt als Sport. Sport verhindert Übergewicht und stärkt das Herz-Kreislauf-System. Mit Sport fühlt man sich einfach besser, die Dosierung des Insulins lässt sich trainieren. Als Typ-I-Diabetiker muss ich dann weniger Insulin spritzen".

?Von manchen Sportlern in ähnlicher Situation wird berichtet, dass sie trotzdem weiter Leistungssport betreiben und z. Bsp. vor Spielen bzw. Wettkämpfen Infusionen erhalten. Wie gehst Du mit der Situation um bzw. wie geht es weiter und was meinen die Ärzte?

Beim Torschuss gegen Greuther Fürth II, Abwehrspieler Marcel Stadel im gegnerischen Strafraum
zoomTorgefährlicher Abwehrspieler Marcel Stadel, hier gegen Greuther Fürth II beim 3:0-Sieg am 20.12.
Foto: Harry Soremski

Marcel Stadel: „Wichtig ist, ich kann trotz meiner Krankheit wieder Leistungssport betreiben. Es ist sogar förderlich für einen Typ-I-Diabetiker. Ich habe mich nach der Diagnose sofort mit viel Literatur bestückt, um viel über die Krankheit zu erfahren. Ebenso habe ich Erfahrungsberichte von Leistungssportlern gelesen. Als Beispiele möchte ich zum einen den Olympiasieger im Gewichtheben, Matthias Steiner, erwähnen, der ebenfalls an Diabetes mellitus Typ I erkrankt ist. Aber auch Profifußballer Dimo Wache, der Torwart vom FSV Mainz 05, lebt mit dieser Krankheit und kann ganz normal seinen Beruf ausüben. Zu ihm suche ich auch den Kontakt, da der Vater meiner Freundin der Cousin des Mainzer Torwarttrainers ist. Wenn alles klappt werde ich mich mit ihm in Verbindung setzen, um zu erfahren, wie er mit der Krankheit umgeht und wie er mit dem täglichen Training und den Spielen klar kommt.

Ich stehe des Weiteren im ständigen Kontakt mit meinen Mannschaftsärzten Andy Mayer und Marco Spielmann. Sobald ich aus dem Krankenhaus entlassen worden bin, werde ich mich mit ihnen zusammensetzen und beraten, wie es weiter geht. In Absprache mit ihnen werden wir einen Spezialisten mit ins Boot nehmen, der auf dem Gebiet der Diabetologie in Verbindung mit Leistungssport ein Fachmann ist. Im Moment suche ich einen Diabetologen. Dann werde ich mit ihm durchgehen, wie ich mein Training in Verbindung mit der täglichen Insulininjizierung weiterführen kann".

„Durfte mich zwar nicht aufregen, doch konnte Emotionen nicht ausblenden"

?Am Samstag vor dem Spitzenspiel hat die Mannschaft des KSV Hessen Kassel in der Kabine Dein Trikot an die Wand gehängt. Als Geste, dass die Mannschaft auch für Dich spielt. Wie hast Du das erlebt?

Wir sind ein Team! Marcel Stadel, hier oben auf, ist bei den Löwen längst angekommen
zoomWir sind ein Team! Marcel Stadel, hier oben auf, ist bei den Löwen längst angekommen
Foto: Harry Soremski

Marcel Stadel: „Es war natürlich ein überwältigendes Gefühl. Die Mannschaft hat sich warm gemacht, als ich in die Kabine kam. Ich hatte es erst gar nicht wahrgenommen, bis unser Trainer Mirko zu mir sagte: „Schau mal, was da hängt. Ist das nicht ‘ne geile Mannschaft!". Ich war sprachlos und konnte ihm nicht widersprechen. Es ist einfach eine super Sache, dass alle möglichen Leute hinter mir stehen und mir Hilfe anbieten. Was meine Mannschaft anbetrifft, so kann ich nur sagen: Danke für jegliche Unterstützung und das geile Spiel gegen Frankfurt. Ich durfte mich zwar während des Spiels nicht sonderlich aufregen, weil Stress wieder den Blutzuckerwert sinken lässt und so eine Unterzuckerung (Hypoglykämie) hervorheben kann, aber wenn man da auf der Bank sitzt, kann man seine Emotionen natürlich nicht ganz ausblenden. Selbstverständlich habe ich jede Sekunde mitgefiebert, damit wir das Spiel noch gewinnen. Schade, dass es nicht geklappt hat, aber ich bin sehr froh in dieser Mannschaft spielen zu dürfen und bedanke mich noch einmal sehr für die klasse Geste bei der Mannschaft, dem Trainerstab und alle Mannschaftsverantwortlichen".

Danke, Marcel, und viel, viel Kraft! Wir sind bei Dir!

Zur Person: Marcel Stadel, geb. 16.02.1987 in Bünde/Westfalen

Innenverteidiger - Trikot-Nr. 23

Beim KSV Hessen Kassel seit dieser Saison (14 RL- Spiele, 2 Tore)

2006 - 2008 DSC Arminia Bielefeld II (OL Westfalen, 56 Spiele, 1 Tor)

2002 - 2006 DSC Arminia Bielefeld (B- bis A- Jugend)

Davor C-Jugend VfL Mennighüffen, JSG Hücker-Aschen/Dreyen

KSV Hessen Kassel, Mittwoch, 4. März 2009

 

Veröffentlicht: 11.03.2009

© KSV Hessen Kassel e.V.
Datum des Ausdrucks: 18.11.2019