"Ein rundlicher Hanseat und der Faustschlag"

20. März 1983: KSV Hessen Kassel - Waldhof Mannheim 1:1
"Ein rundlicher Hanseat und der Faustschlag"

Am Samstag startet der KSV Hessen Kassel in die Saison 2017/18 und empfängt um 14 Uhr Waldhof Mannheim zum Auftaktspiel im Auestadion. Begegnungen gegen die Mannheimer haben nicht nur auf dem Platz eine lange Tradition sportlicher Rivalität. Auch nach dem Spiel ist hier schon mal Pfeffer drin, wie der folgende Rückblick auf das Spiel vom 20. März 1983 zeigt:

Ein rundlicher Hanseat und der Faustschlag

Das Spiel war gerade beendet. 21.000 pfiffen was das Zeug hielt und beschimpften den Schiedsrichter. Dann passierte etwas, was es davor und danach im Auestadion noch nie gegeben hatte. Ein Zuschauer kletterte über den Zaun der damaligen Stehplatzgegengerade, die dort war, wo heute die Osttribüne steht. Vorbei an jubelnden Mannheimern und enttäuschten Kasselern, an Ordnern und Polizisten, lief der dunkelgelockte Mann direkt auf den Hamburger Schiedsrichter Friedrich Retzmann zu und verpasste ihm von hinten einen Faustschlag. Retzmann taumelte etwas, blieb aber tapfer stehen. Es gab Rangeleien und Tumulte, bevor der Schläger überwältigt und abgeführt werden konnte. Die Emotionen kochten hoch im Auestadion an diesem Märztag im Jahr 1983.

Es ging um den Aufstieg in die Bundesliga. Um nicht mehr, aber auch nicht um weniger. Im März 1983 gastierte der SV Waldhof Mannheim als Tabellenführer der 2. Bundesliga im Auestadion, der KSV Hessen war auf Rang drei. 28. Spieltag, die Saison bog langsam aber sicher in die Zielgerade ein. Die Mannheimer waren die Überflieger des Jahres. Mit Trainer Klaus Schlappner und einer blutjungen Mannschaft aus der Region stürmten die blau-schwarzen in Richtung erste Bundesliga. Doch der KSV war, so schien es, an diesem grauen Frühlingstag, zu stark für die Grünschnäbel aus der Kurpfalz. Der schwedische Nationalspieler Mats Nordgren brachte die Löwen schon nach zehn Minuten in Führung. Danach wirbelten die Nordhessen die Gästeabwehr kräftig durcheinander. Nur das zweite Tor wollte nicht fallen. Schiedsrichter Retzmann, der im Jahr 2000 verstarb, machte keine gute Figur. Und das in jeder Hinsicht. „Alles andere als ein Heimschiedsrichter, hatte der rundliche Hanseat die Volksseele rasch zum kochen gebracht“; erkannte die HNA. Ein Tor von Löwen-Stürmer Peter Cestonaro nicht anerkannt, ein Handspiel eines Mannheimers im eigenen Strafraum nicht gesehen und ein Foul an Uwe Pallaks direkt vor dem Gäste-Tor ignoriert. Das „Sündenregister“ von Retzmann war beträchtlich. In der 73. Minute flippte die Fan-Masse endgültig aus. Nach einem eher harmlosen Gerangel zwischen Gerd Grau und Mannheims Fritz Walter zeigte Retzmann auf den Punkt. Günter Sebert ließ sich das vermeintliche Geschenk nicht entgehen und traf zum Ausgleich. Doch damit nicht genug. In der Nachspielzeit kam ein weiterer KSV-Spieler in einer undurchsichtigen Aktion im Gäste-Strafraum zu Fall – wieder kein Elfmeter. Kurz danach war das Spiel zu Ende und Retzmann wurde attackiert. Glück hatten am Ende die Löwen: Anstatt der befürchteten Platzsperre gab es „nur“ eine Geldstrafe. Und am Ende der Saison? Für den KSV blieb wieder einmal nur der undankbare vierte Tabellenplatz, während „Schlappi“ und seine Spieler den Aufstieg schafften.

Oliver Zehe

 

20. März 1983: KSV – SV Waldhof Mannheim  1:1 (1:0)

KSV: Wulf – Eymold – Grau (82. Horch), Wielandt, Münn – Eplinius, Kempa, Nordgren – Hampl, Cestonaro, Bönisch (62. Pallaks). Trainer: Konietzka

Mannheim: Zimmermann – Sebert – Knapp, Schlindwein, Dickgießer – Quaisser, Hein, Schön – Bührer (86. Makan), Linz, Walter (88. P. Tsionanis)

Tore: 1:0 Nordgren (10.), 1:1 Sebert (73., Foulelfmeter)
SR: Retzmann (Hamburg)  Z: 21.000

Veröffentlicht: 26.07.2017

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Datum des Ausdrucks: 14.12.2019