Thomale nach 0:3-Schlappe vor dem Rücktritt

KSV Hessen - FSV Frankfurt 0:3 (0:2)
Mit der dritten Niederlage in Folge hat die Krise beim KSV Hessen einen neuen Höhepunkt erreicht. Unmittelbar nach dem 0:3 gegen den FSV Frankfurt erklärte Trainer Hans-Ulrich Thomale seinen Rücktritt. Definitiv ist dieser Schritt allerdings noch nicht, da sowohl die Mannschaft als auch der Vorsitzende Jens Rose den Trainer zum bleiben bewegen wollen. Die endgültige Entscheidung wird Thomale nun am morgigen Sonntag treffen.
Sie war schon etwas ungewöhnlich, die Stimmung im Auestadion kurz nach dem Schlußpfiff. Trotz einer 0:3-Heimschlappe gegen den FSV Frankfurt gab es keine Pfiffe und auch keine "Trainer-raus"-Rufe. Je nach Mentalität blieben die Zuschauer apathisch auf Ihren Sitzschalen oder verließen fluchtartig die Arena. Das ganze bei fast gespenstischer Stille. Der Schock war bei vielen Fans größer als das Bedürfnis Emotionen auszuleben. Doch das heftige Gewitter sollte noch folgen. Und zwar in den Katakomben des Auestadions. Während die Jubelgesänge der Frankfurter Spieler durch die Gänge schallten, warteten Fans, Pressevertreter und Sponsoren auf den Auftritt von Trainer Hans-Ulrich Thomale bei der Pressekonferenz. Doch sein Platz am Stehpult des Presseraumes blieb zunächst verwaist. Thomale war zu diesem Zeitpunkt noch in der Kabine und teilte der Mannschaft seinen Rücktritt mit. Diese stellte sich einstimmig vor den Trainer und versuchte ihn zum bleiben zu bewegen. Ergebnis der Diskussion: Vertagung des Themas auf den morgigen Sonntag.

"Den Zeitpunkt meines Rücktrittes bestimme ich", sagte Thomale, als er dann bei der Pressekonferenz erschienen war. Nach den Bemühungen von der Mannschaft und dem ersten Vorsitzenden Jens Rose doch im Amt zu verbleiben, erbat sich der Trainer eine 24-Stündige Bedenkzeit.

Ein Sündenbock für die vermeintliche Trainerkündigung wurde auch bald gefunden. Die Presse. Ein nicht sonderlich glücklicher Artikel der HNA am Mittwoch wurde bald zur Zielscheibe von Mannschaft und scheidenden (?) Trainer. Dort ließ die örtliche Tageszeitung unter den Lesern abstimmen, ob der Trainer Schuld an der derzeitigen Situation beim KSV Hessen sei. "Das ist Bild-Zeitungs-Stil", wetterte Thomale. Hintergrund der harschen Kritik sind Anfeindungen, die Thomales Familie in den letzten Tagen über sich hat ergehen lassen müssen. "Wer in dieser Art und Weise die Öffentlichkeit informiert, tritt damit das sportliche Fair-Play mit den Füßen", zeigte sich der Trainer stark verletzt. Die Emotionen schlugen nun hoch. Einige Spieler, nur mit einem Handtuch bekleidet, gifteten im Kabinengang jeden an, der einen Kugelschreiber und Schreibblock in der Hand hielt.

Wie es nun weiter geht wird man am morgigen Sonntag sehen. Der geschockte Jens Rose: "Vorher mache ich mir auch gar keine Gedanken". Dennoch gab es natürlich viele heiße Debatten. Wenn es bei dem Nein von Thomale bleibt, deutet vieles auf eine interne Lösung hin. Und die dürfte dann Bernd Sturm oder Slawomir Chalaskiewicz lauten.

Zum Spiel. Das begann so, wie in den schlimmsten Kasseler Albträumen befürchtet. Die ohnehin nicht vor Selbstvertrauen strotzende Löwen-Elf lag schon nach neun Minuten 0:1 hinten. Einen eher harmlosen Schuß von Enis Dzihic faustete sich Zoran Zeljko selbst in die Maschen. Gerade als die Mannschaft langsam ins Spiel fand, fiel das 2:0 nach einem Konter von Anli (30.). Die Kasseler Defizite waren im ersten Durchgang überdeutlich zu sehen. Schwaches Spiel ohne Ball, wenig Bewegung, viele statische Aktionen. Einige Spieler wirkten, als wenn sie tonnenschwere Rucksäcke auf ihren Rücken transportierten. Trotz aller Nervosität kamen die Löwen gegen Ende der ersten Halbzeit zurück ins Spiel. Und sie hatten nun auch Chancen. Zweimal Cesar, einmal Bauer, es war die stärkste Phase des KSV im ganzen Spiel. Und um ein Haar hätten die Löwen sogar den Anschlußtreffer vor der Pause geschafft. Nach einer Schönefeld-Ecke köpfte Sven Teichmann den Ball freistehend am rechten Torpfosten vorbei. Ein 1:2 in der 44. Minute, es wäre zu schön gewesen. So kam es in der zweiten Halbzeit wie es kommen mußte. Nach einem haarsträubenden Fehlpaß von Thorsten Schönewolf machte der Frankfurter Enis Dzihic in der 62. Minute den Kasseler Sargdeckel endgültig zu. In der Schlußphase wurde eine vollkommen demoralisierte KSV-Mannschaft von den Bornheimern endgültig in ihre einzelnen Bestandteile zerlegt. Immer wieder tauchten die eingewechselten Csintalan und Hodaj frei vor Zeljko auf. Entweder scheiterten die Blau-Schwarzen an ihrer eigenen Nachlässigkeit oder am nun glänzend reagierenden Zoran Zeljko. Das dickste Ding vergab der freistehende Uyanik, nachdem Csintalan zuvor nur den Pfosten traf (75.). Für den Schlußpunkt aus Kasseler Sicht sorgte dann Artur Tews. Für eine Gelbe Karte spendete er Schiedsrichter Vollmar höhnischen Beifall, der sich prompt mit der Farbkombination Gelb/Rot revanchierte.

Kann man der Mannschaft Vorwürfe machen? Mitleid ist angebrachter. Sie waren bemüht, sie haben es versucht, ihre Mittel waren aber untauglich, eine routiniert und clever spielende Frankfurter Mannschaft in Bedrängnis zu bringen.

Woran liegt aber die Misere beim KSV Hessen? Es sind viele kleine Dinge, die sich wie ein Puzzle zusammenfügen.Wenn man dieses Puzzle zusammengesetzt betrachtet, ergeben sich zehn Punkte aus acht Spielen. Die einzelnen Teilchen des Puzzles geben da schon mehr Aufschluß als die nackten Zahlen. Als da wären: eine gravierende Verunsicherung in der Mannschaft, eine nicht ausgeprägte Siegermentalität, Formkrisen von Leistungsträgern (Chalaskiewicz, Zeljko, Schönewolf), eine ungeahnte Anhäufung von individuellen Fehlern. Die Reihe lässt sich fortsetzten.Wie geht es weiter? Hans Ulrich Thomale blickte schon mal in die Zukunft. "Mit einem neuen Mann an der Seite und dem großen Abstand zur Spitze ist der Druck weg und die Mannschaft kann befreit aufspielen."

Oliver Zehe

KSV Hessen: Zeljko - Tews, Schönewolf, Teichmann - Schönefeld, Rudolph, Busch, Chalaskiewicz, Beyer - Cesar, Bauer.

FSV Frankfurt: Wawroschek - Henning - Zitouni, Starck - T. Oral, Kabaca, Uyanik, Ciftci - Anli, Giuliana, Dzihic.

Ausgewechselt: 60. Latifiahvas für Busch, 65. Odensaß für Schönefeld, 68. Warneke für Bauer - 65. Csintalan für Giuliana, 69. Hodaj für Dzihic, 77. Shulemaja für Uyanik.

Zuschauer: 1.000 Schiedsrichter: Vollmar (Kalkobes)

Tore: 0:1 (9.) Dzihic; 0:2 (30.) Anli; 0:3 (62.) Dzihic.

Gelb-Rote Karte gegen Tews (78.).


Stimmen zum Spiel und zur aktuellen Situation beim KSV Hessen:

Hans-Ulrich Thomale (Trainer KSV Hessen): "Glückwunsch an den FSV, daß war meisterlich. Meine Mannschaft hat heute Moral und Willen bewiesen, aber letztlich haben die individuellen Fehler das Spiel entscheiden. Teilweise haben wir uns die Dinger heute selber rein gemacht. Wir sind viel gelaufen, hatten aber letztlich zu wenig Durchsetzungsvermögen. Wir waren bemüht, hatten aber keine Chance das Spiel zu gewinnen. Nach der Lektüre der Zeitung in den letzten Tagen ist mir klar, daß der Trainer schuld ist. Der Mannschaft habe ich meinen Rücktritt angeboten. Ich zeichne mich für die aktuelle Entwicklung verantwortlich und möchte mit meinem Rücktritt erreichen, daß das Team wieder befreit aufspielen kann. Da die Mannschaft sich gegen meinen Rücktritt ausgesprochen hat, habe ich mir eine Bedenkzeit bis morgen erbeten."

Jens Rose (1. Vorsitzender KSV Hessen): "Ich möchte den Trainer behalten und mit ihm gemeinsam aus dem Loch heraus kommen".

Nikolaus Semlitsch (Trainer FSV Frankfurt): "Wenn man 3:0 in Kassel gewinnt, ist man natürlich glücklich. Besonders stolz bin ich aber über die Art und Weise, wie wir hier gewonnen haben. Wir wußten, daß Kassel das Wasser bis zum Hals steht und haben natürlich mit unserem frühen Tor viel Glück gehabt."


Fotos: Carsten Müller und Oliver Zehe

oben: Thorsten Bauer tröstet nach dem Spiel Tobjörn Warneke
unten: Clubchef Jens Rose und Trainer Hans-Ulrich Thomale bei der Pressekonferenz

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Aufstellung

Veröffentlicht: 11.09.2004

© KSV Hessen Kassel e.V.
Datum des Ausdrucks: 05.12.2019