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von sflpz » 17. Jun 2008, 17:54
Sport
Gelähmte Löwen
Von VICTOR DEUTSCH
Eben im Extra Tip gefunden !
Kassel. „Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt“, war Jens Roses resignierendes Fazit nach der Jahreshauptversammlung des KSV Hessen Kassel, bei der am Dienstag einzig die Zeit nach Plan lief. Denn aus dem angekündigten Vorhaben von Hauptsponsor Mehmet E. Göker (MEG AG), auch Vereinsvorsitzender werden zu wollen, wird nichts. „Ich stehe dem Verein für kein Amt zur Verfügung. Meine finanzielle Unterstützung in sechsstelliger Höhe werde ich dem KSV jedoch gerne weiterhin zukommen lassen“, sagte der Versicherungsmakler. Die Gründe für die Entscheidung, die er dem amtierenden Vorstand eine halbe Stunde vor Sitzungsbeginn mitteilte, seien vielfältig. Der Vorwurf, er habe den Verein erpresst, um das Amt des Vorsitzenden zu erhalten, sei schon ungeheuerlich. Viel schwerer würden jedoch die Anfeindungen gegen seine Familie wiegen. „Meine Mutter bekam Briefe mit Hakenkreuzschmierereien. Das kann ich nicht dulden“, sagte der aufgebrachte Göker vor 180 Vereinsmitgliedern in der Martini-Brauerei.
Zuvor hatten Jens Rose, Schatzmeister Hermann Schmidt und Christian Kropf für den Aufsichtsrat ihre Berichte abgeliefert. Und dabei schon tief in die Zukunft blicken lassen. Jens Rose übernahm in seiner Rede die Verantwortung für den verpassten Auftstieg, erinnerte jedoch zugleich an die bewährte Vereins-Linie, keine finanziellen Experimente wagen zu wollen. Verbunden mit der Erkenntnis: Nur Geld schießt Tore – „und davon haben wir einfach zu wenig.“ Zwar konnte Schatzmeister Hermann Schmidt auf eine ausgeglichene Bilanz verweisen. Doch schon die Planungen für das kommende Jahr (1,4 Millionen Etat sind angesetzt), dürften ins Wanken geraten. Zum einen wegen des Aufstiegs der zweiten Mannschaft in die Hessenliga, zum anderen wegen der kalkulierten Zuschauerzahlen von 2.300 im Schnitt und der nach gescheiterten Versuchen mit EFM nun gewagten Konstruktion mit Jörg Schmidt und Joe Gibbs in der Sponsorenakquise.
Das interessierte an diesem Abend jedoch nur noch am Rande. Völlig gelähmt durch die überraschende Absage von Göker wurden die weiteren Tagesordnungspunkte schnell durchgewinkt. Die Summe des Spendenkontos „Vereinsheim“ dem Verein zukommen zu lassen: Durchgewinkt. Die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat. Durchgewinkt. Und zuletzt noch die Wahl der neuen Aufsichtsratsmitglieder, vorgeschlagen durch die Wahl-Kommission: Christian Kropf, Holger Brück, Holger Günther und Jochen Gabriel sind dabei. Hinzu kommt Matthias Hartmann (Firma Trillhof), während Gerhard Jochinger seine Bereitschaft im Aufsichtsrat mitzuarbeiten, von einer anderen Entscheidung abhängig gemacht hatte. Einem „Ja“ von Göker.
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Zwischenruf von VICTOR DEUTSCH
Plan B oder Burn-Out
Eigentlich ist es doch ganz nach den Wünschen der Fans. Jens Rose bliebt an der Spitze des Vereins. Ein Vorsitzender, der Bodenständigkeit und Fannähe, aber auch wirtschaftlichen Sachverstand und Führungsqualität in sich vereinigt. Dazu dem Verein noch jede Menge Zeit – und Geld, wie Aufsichtsratmitglied Christian Kropf den Mitgliedern berichtete – widmete. Schon vor anderthalb Jahren kündigte Jens Rose seinen Rückzug an. Passiert ist nichts. „Der wird schon weitermachen“, so der Wunsch der Kasseler Fußball-Anhänger. Jetzt macht er weiter – und will es doch nicht. Noch einmal steckte der charismatische Löwen-Vorsitzende, der nie „Präsident“ genannt werden will, in dieser Saison Schläge ein. Für Neuverpflichtungen, die keine Verstärkungen waren, für mangelnde Risikobereitschaft in finanziellen Fragen und für den verpassten Aufstieg. Undank statt Dankeschön. Ähnliches erfuhr Mehmet E. Göker just ab dem Tag, an dem er als neuer Vorsitzender gehandelt wurde. Er wolle ja nur glänzen, sich in den KSV einkaufen. Zuviel Widerstand für den erfolgreichen Jungunternehmer. Seine Berater werden angesichts seiner Entscheidung in letzter Minute Beifall klatschen – wohlwissend, dass ein ehrenamtlicher Vereinsvorsitz vor allem zwei Dinge raubt: Zeit und Nerven. Auch Jens Rose hatte man gewünscht, dass er mit dem Schritt in den Aufsichtsrat wieder mehr Zeit und Ruhe findet. Für sein weltweit tätiges Gleisbauunternehmen, für seine Familie, seine Hobbies neben dem Fußball. Der KSV verbrennt nicht nur Geld, wie es Mehmet Göker anmerkte. Er kann auch Menschen ausbrennen. Jene, die sich aufopfern für den Verein, für die Sache. „Plan B“ nannte Versammlungsleiter Hans-Jochem Weikert das Weiterwirken der bekannten Namen. Die Mitglieder wurden jedoch an diesem Abend ein Gefühl nicht los: Dass „B“ in diesem Falle für „Burn-Out“ steht.