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von Eimer » 12. Nov 2006, 22:28
Quelle: HNA
Das Herz trägt die Löwen zum 3:3
Fußball-Regionalliga: Der KSV Hessen zeigt auch gegen Spitzenreiter Wehen eine engagierte Leistung und wird am Ende belohnt
Von Florian Hagemann
Kassel. Es war so ein typisches Spiel zwischen einem Aufsteiger mit viel Euphorie und einem Spitzenreiter mit viel Abgebrühtheit. Wie das so ist in solchen Partien: Am Ende sollte der Favorit gewinnen, die Effektivität und Coolness über die Kunst und Spielfreude. Die Treffer passten dazu: Der Aufsteiger schoss zwei Tore, über die alle danach sprechen sollten, der Spitzenreiter erzielte Allerweltstore nach Abwehrfehlern des Gegners. Schnörkellos, eiskalt - Tore irgendwie ohne Emotionen. Aber davon machte er drei. Und so sollte es 2:3 enden - dieses Spiel in der Fußball-Regionalliga zwischen dem KSV Hessen Kassel und dem Tabellenführer SV Wehen.
Vergessen Sie es!
Denn dann kam Julio Cesar da Rosa, den alle nur Julio rufen. Die 90. Minute an diesem Samstagnachmittag im Kasseler Auestadion: Der KSV bäumt sich noch einmal auf. In den 25 Minuten zuvor hatte er schon erkennen lassen, dass die Kraft immer mehr nachlässt - und doch: Jetzt versucht er es noch einmal, ein letztes Mal. Pascal Groß schießt einen Freistoß in den Strafraum. Es ist ein großes Gewühl, ein großes Wirrwarr. Irgendwann landet der Ball bei Cesar, der stochert mit dem Bein umher - "irgendwie", wie er später sagt. "Und dann war er drin." Tor. Toor. Tooor. 3:3. Danach ist nur noch Jubel, Jubel, Jubel: Als ob sich eine Gänsehaut über das Auestadion gezogen hätte.
Cesar hat sie alle belohnt mit dem 3:3, denn es wäre einfach nicht gerecht gewesen, wenn die Löwen an diesem Tag als Verlierer den Platz verlassen hätten. Dafür lieferten sie über weite Strecken einen zu engagierten Fußball. "Heute haben wir mit dem ganzen Herzen gespielt", sagte der Last-Minute-Torschütze. Und kein anderer Satz hätte die Spielweise der Kasseler besser ausdrücken können als dieser.
Mit dem Herzen dabei - dazu passen die beiden Tore durch Thorsten Bauer: Dem 1:0 in der 15. Minute ging ein Traumpass Marc Arnolds voraus, der nach seiner Verletzung erstmals wieder mitwirkte. Mit viel Auge spielte er Thorsten Bauer in der Spitze an, der bugsierte den Ball an Wehens Torwart Adnan Masic vorbei an den Innenpfosten. Später sagte er: "Ich war mir sicher, dass er reingehen würde." Kurz nach der Halbzeit sollte Bauer erst recht für Gesprächsstoff sorgen: mit seinem Flugkopfball zum 2:1.
Aber wenn überwiegend das Herz das eigene Spiel bestimmt, sind tragische Momente nicht ausgeschlossen - beim KSV waren es an diesem Tag drei: Torwart Oliver Adler leitete mit einem verunglückten Abwurf auf Christoph Keim das 1:1 nach einer knappen halben Stunde durch Martin Willmann ein. Dem 2:2 in der 70. Minute durch Cenci ging ein unnötiger Ballverlust im Mittelfeld voraus. Und vor dem 2:3 durch Ronny Königs trockenen, noch abgefälschten Freistoß in der 75. Minute foulte Thorsten Schönewolf den Wehener Cenci.
Dem KSV blieb noch eine Viertelstunde gegen den Spitzenreiter, der zuletzt viermal in Folge gewann. Es lief nicht mehr viel. Der Schwung der ersten Stunde war dahin. Doch das Herz des KSV funktionierte noch.
12.11.2006